NFC zu 03-39-09-02

Christian Meins sitzt auf einer Bank in einem Garten. Er trägt einen robust wirkenden Anzug mit Haubenmütze und dunklen Schuhen. Er hält den Kopf leicht schief. Er schaut vergnügt zur Kamera.

Christian Meins, Hamburg-Hammerbrook, ca. 1941.

Privatbesitz Heidi Frahm.

CHRISTIAN MEINS (1939 – 1943)

Christian Meins war das erste Kind von Gretchen (Gretel) und Hermann Meins. Beide kamen aus Hamburg. Gretel kam aus einer kommunistisch geprägten Familie, Hermann war sozialdemokratisch und beteiligte sich als Jugendlicher an Straßenschlachten gegen Nationalsozialisten. Gretel und Hermann lernten sich in einer Gastwirtschaft kennen, in der Gretel in der Küche aushalf. Sie heirateten am 18. Januar 1939, als Gretel bereits schwanger war. Nach der Heirat bezog das Paar eine eigene Mietwohnung in Hamburg-Hammerbrook in der Nähe von Christians Großeltern mütterlicherseits. Zur Großmutter väterlicherseits, die eine eigene Kneipe führte und als durchsetzungsstark galt, gab es kaum Kontakt.

Christians Vater Hermann war Elektriker und arbeitete in der Rüstungsindustrie, unter anderem auch in Peenemünde an der »V2« sowie beim Technischen Hilfswerk. Durch sein gutes Einkommen brauchte Gretel nach der Geburt von Christian nicht zu arbeiten. Christian wurde am 10. Juni 1939 geboren. Er wurde nach seinem verstorbenen Großvater väterlicherseits benannt. Bei der Geburt hatte er die Nabelschnur zweimal um den Hals gewickelt und musste daraufhin ins Rotenburger Kinderkrankenhaus eingewiesen werden. Von diesem Geburtsschaden erholte er sich nicht.

Christian blieb verzögert und entwickelte epileptische Anfälle. Im Alter von rund drei Jahren legten sich die Anfälle. Ab dann sei Christian sehr lebhaft gewesen, besonderes Gefallen habe er am Klappern von Türen gehabt, die er stundenlang auf- und zuschlagen konnte. Die Eltern müssen Christian sehr geliebt haben. Der Vater machte Überstunden, um vom Lohnaufschlag Heilpraktiker-Rechnungen bezahlen zu können. Sie waren sehr glücklich über das beeinträchtigte Kind. Er war der »Prinz«, berichtet seine Schwester Heidi Frahm. Sie selbst blieb in ihrer Kindheit im Schatten ihres verstorbenen Bruders.

Christian, seine Eltern und die Großeltern wurden im Zuge des Hamburger »Feuersturms« im Sommer 1943 ausgebombt. Sie wurden nach Burgdorf in Niedersachsen evakuiert. Dort wurde Christian am 3. August 1943 dem Gesundheitsamt vorgestellt und vom Amtsarzt für »anstaltsbedürftig« befunden, »zumal jetzt bei den schwierigen häuslichen Verhältnissen (Bombenbeschädigte) eine ordnungsgemäße Unterbringung im eigenen Haushalt nicht mehr möglich ist.« Weil die Mutter zeitnah nach Bayreuth weitergeschickt werden sollte und der Vater zwecks Wiederaufnahme seiner Arbeit bei Blohm & Voss ebenso dringlich nach Hamburg zurückkehren musste, wurde Christians Aufnahme in die Heil- und Pflegeanstalt aufgrund gebotener Eile telefonisch veranlasst.

Bereits zwei Tage später, auf dem Rückweg nach Hamburg, brachte Hermann seinen Sohn persönlich in die »Kinderfachabteilung« Lüneburg. In Hamburg angekommen, organisierte er eine sogenannte »Ley-Bude«. Diese Behelfsunterkunft führte dazu, dass Gretel und ihre Eltern noch vor Kriegsende nach Hamburg zurückkehren konnten. Christian wurde nur drei Wochen nach seiner Aufnahme am 29. August 1943 ermordet. Seine offizielle Todesursache lautete Bronchitis. 

Weil Christian Meins vom Status her und aktenmäßig als »bombenbeschädigtes Kind« eingewiesen bzw. geführt worden war, wurde er nicht auf dem Anstalts- sondern auf dem Zentralfriedhof Lüneburg bestattet. 1952 fiel sein Grab unter das Kriegsgräbergesetz. Es ist deshalb bis heute als Einzelgrab mit Grabplatte erhalten. Das Schicksal ihres älteren Bruders ließ Heidi nie los. 1947 geboren, war ihre Kindheit auch von der Erinnerung an ihren toten Bruder geprägt. Über 15 Jahre lang versuchte sie, sein Schicksal zu klären. Da sie davon ausging, dass es kein Grab gäbe, ließ sie auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf ein Namensschild in Gedenken an ihn anbringen. Im September 2021 besuchte sie das Grab ihres Bruders zum ersten Mal.

Christian Meins ist am 10. Juni 1939 geboren.
Seine Eltern heißen Gretel und Hermann.
Sie sind gegen die Nazis.
Gretel ist Köchin.
Hermann ist Elektriker.

Christian ist das erste Kind.
Er hat eine Behinderung.
Seit seiner Geburt.

Christian entwickelt sich nicht gut.
Er hat Anfälle.
Er klappert gerne mit Türen.
Die Eltern machen sich Sorgen.
Sie fragen sich:
Was ist mit Christian los?
Wieso klappert er mit Türen?

Hermann arbeitet ganz viel.
Er braucht das Geld von der Arbeit.
Um einen Heil-Praktiker zu bezahlen.
Der unter-sucht Christian.

Die Eltern sind aber auch sehr glücklich über Christian.
Er ist ihr Prinz.
Er ist ihr Lieblings-Kind.

1942 gibt es einen Bomben-Angriff.
Das Wohn-Haus von Christian wird getroffen.
Es wird zerstört.
Sie haben kein zu Hause mehr.
Christian und die Eltern müssen weg aus Hamburg.

Sie kommen nach Burg-Dorf.
Dort fällt Christian auf.
Er muss zum Gesundheits-Amt.
Dort wird er von einem Arzt unter-sucht.
Der Arzt sagt:
Christian ist behindert.
Er darf nicht bei seiner Familie bleiben.
Sie können ihn nicht mit-nehmen.
Christian gehört in eine Kinder-Fach-Abteilung.
Sofort.

Hermann bringt seinen Sohn in die Kinder-Fach-Abteilung.
Das ist zwei Tage nach dem Besuch des Gesundheits-Amtes.
Hermann geht zurück nach Hamburg.
Er beschafft eine neue Unterkunft.
Danach kehrt Gretel mit ihren Eltern zurück.

Christian wurde ermordet.
Er ist ein Opfer des Patienten-Mordes der Nazis.
Das ist im August 1943.

Christian Meins liegt auf dem Zentral-Fried-Hof.
Das wollte Christians Vater.
Christians Grab ist auch ein Kriegs-Grab.
Darum ist das Grab heute noch da.
Christians Schwester Heidi sucht das Grab 20 Jahre.
Heidi glaubt:
Ich finde das Grab nicht mehr.

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