
Postkarte Heil- und Pflegeanstalt für Geistes- und Nervenkranke am Steinhof, Wien XIII, vor 1914.

Postkarte Heil und Pflegeanstalt »Am Steinhof«, Wien XIII, vor 1914.
ArEGL 99.
WIEN
Die »Wiener städtische Fürsorgeanstalt Am Spiegelgrund« nahm im Juli 1940 auf dem Gelände der Heil- und Pflegeanstalt »Am Steinhof« (heute Klinik Penzing) ihren Betrieb auf. Sie teilte sich in ein Erziehungsheim und eine »Nervenheilanstalt für Kinder«, zu der auch die »Kinderfachabteilung« in Haus 15 gehörte. Leiter der Fürsorgeanstalt war der Heilpädagoge Franz Winkelmayer, Haus 15 wurde bis September 1944 von Heinrich Gross geleitet.
Weitere Verantwortliche waren die Leiter der Nervenheilanstalt, Erwin Jekelius und seine Nachfolger Hans Bertha und Ernst Illing. Illing und Gross waren von Gehirnforscher Hans Heinze für die Arbeit in der »Kinderfachabteilung« ausgebildet worden. Auch die Ärztinnen Marianne Türk und Margarethe Hübsche waren an der Ermordung der Kinder und Jugendlichen beteiligt.
Zwei Drittel der in die »Kinderfachabteilung« Wien eingewiesenen Kinder und Jugendlichen befanden sich bereits zuvor in öffentlichen Einrichtungen. Vierzig Prozent der Kinder und Jugendlichen wurden bereits mit negativen ärztlichen Gutachten, wie »bildungsunfähig«, »minderwertig« etc., eingewiesen.
Von den 789 statistisch erfassten Tötungen fanden 19 bereits im Jahr 1940 statt, 94 im Jahr darauf. Im Jahr 1942 stieg die Zahl auf 101 und erreichte mit 274 ermordeten Kindern 1943 ihren Höhepunkt. Das Jahr 1944 brachte 161 Kindern den gewaltsamen Tod, 1945 bis Kriegsende immer noch 50 Kindern.
Zu den Ermordeten zählten auch Kinder und Jugendliche, an denen zuvor ein Tuberkulose-Impfstoff erprobt wurde. Nach der Ermordung wurden den Leichen von der Pathologin Barbara Uiberrak Gehirne und Rückenmarkstränge entnommen. Diese sterblichen Überreste wurden bis in die 1970er-Jahre an verschiedenen Einrichtungen für Forschungen verwendet. 2002 wurden sie bestattet.
Nach Kriegsende wurden Pflegerinnen steckbrieflich gesucht. Ernst Illing erhielt die Todesstrafe, die 1946 vollstreckt wurde. Weitere Tatbeteiligte erhielten geringfügige Freiheitsstrafen, die mit der Untersuchungshaft abgegolten war. Durch die Verjährung von »Totschlag« wurden spätere Verfahren eingestellt. Nur gegen Gross wurde 1997 bis 2000 wegen Mordes verhandelt, das Verfahren wurde aus gesundheitlichen Gründen eingestellt.
Städtische Jugendfürsorgeanstalt »Am Spiegelgrund« der Landes-Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Geisteskranke »Am Steinhof« Wien.
WIEN
Wien ist die Hauptstadt von Österreich.
Dort gibt es eine Anstalt.
In der Nazi-Zeit gibt es in der Anstalt
eine Kinder-Fachabteilung.
Sie ist die zweite Kinder-Fachabteilung
in der Nazi-Zeit.
Im Jahr 1940 kommen die ersten Kinder
in die Kinder-Fachabteilung.
Die meisten Kinder kommen aus einem Heim.
In den Jahren 1940 und 1941 sind
über 1 500 Kinder in der Kinder-Fachabteilung.
Sie kommen alle in das Haus 15.
Es gibt viele Ärzte in der Kinder-Fachabteilung.
Alle machen mit bei den Morden.
Sie machen auch Menschen-Versuche.
Sie testen Medikamente an den Kindern.
Das sind Medikamente
gegen die Lungen-Krankheit Tuberkulose.
Aber die Medikamente machen die Kinder krank.
Die Ärzte machen die Kinder
mit Absicht krank.
Danach ermorden die Ärzte die Kinder.
789 Kinder sterben
in der Kinder-Fachabteilung in Wien.
Die Ärzte nehmen die Gehirne
aus den toten Kindern raus.
Und sie nehmen Nerven aus den Rücken
von den toten Kindern.
Damit machen sie Forschung.
Auch viele Jahre nach dem Krieg machen Ärzte noch diese Forschung Sie machen das noch bis in die 1970-er Jahre.
Nach der Nazi-Zeit bekommt nur ein Arzt
aus der Anstalt eine Todes-Strafe.
Die anderen Ärzte bekommen Gefängnis-Strafen.
Aber oft müssen die Ärzte gar nicht ins Gefängnis.
Einige Ärzte bekommen gar keine Strafe.
Lange Zeit denkt man:
Die Morde in Wien waren keine Morde.
Die Kinder sind an Krankheiten gestorben.
Erst im Jahr 2000 sagt man: Die Kinder sind ermordet worden.
Aber da ist der Haupttäter Hermann Gross
schon alt und krank.
Darum bekommt er keine Strafe mehr.
Im Jahr 2002 werden die Gehirne
von den toten Kindern beerdigt.
Das sind Postkarten von der Anstalt in Wien
aus dem Jahr 1914.