Es ist ein schwarz-weißes Foto. Ingeborg Wahle sitzt in einem ausladenden Kinderwagen mit großen Speichenrädern und geschwungenem Lenker. Sie streckt die rechte Hand aus dem Wagen und blickt Richtung Kamera. Im Hintergrund ist Wiese, eine Mauer und ein dahinterliegendes mehrstöckiges Gebäude sichtbar.

Ingeborg Wahle im Kinderwagen, etwa 1940.

Privatbesitz Renate Beier.

INGEBORG WAHLE (1939 – 1945)

Ingeborg Wahle wurde am 13. Juni 1939 in Göttingen geboren. Sie war das zweite Kind von Elfriede, geborene Fendt, und Willi Wahle. Zwei Jahre später wurde ihre Schwester Renate geboren.

Ingeborg hatte einen schweren Start ins Leben, da sie eine Zangengeburt war. Außerdem habe eine Rhesus-Unverträglichkeit vorgelegen. Ihre Entwicklung blieb verzögert.

Nach Renates Geburt zog die fünfköpfige Familie in den heutigen Tulpenweg 6. Ingeborgs Bruder Heinz hatte ein eigenes Kinderzimmer, die Schwestern teilten sich eines. Ingeborg habe die meiste Zeit auf einem ausgepolsterten Stühlchen am Küchentisch gesessen.

Als Ingeborg vier Jahre alt war, mussten ihre Eltern sie auf Initiative des Wohlfahrtsamtes im Gesundheitsamt Göttingen vorstellen. Mit einer Einweisung in die »Kinderfachabteilung« erhofften sich die Eltern zunächst eine Therapie zur Besserung.

Ingeborg wurde am 4. April 1944 auf der Mädchen-Station im Obergeschoss von Haus 25 aufgenommen.

Neben zahlreichen Besuchen blieben die Eltern auch durch Briefe in Kontakt mit der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg.

Die Reaktionen der Ärzte auf die Briefe der Eltern fielen pessimistisch aus. Ingeborg sei in einem schlechten Zustand, die Eltern sollten sich auf einen schlechten Verlauf vorbereiten.

Auch Ingeborgs Mutter Elfriede erkundigte sich nach ihrer Tochter, nachdem Besuche kriegsbedingt nicht mehr möglich waren. Doch das Bemühen der Eltern verhinderte nicht, dass Ingeborg ermordet wurde. Sie starb am 24. Februar 1945.

Der letzte Besuch von Willi Wahle bei seiner Tochter Ingeborg erfolgte am Tag vor ihrer Ermordung. Der Besuch ist nicht dokumentiert.

INGEBORG WAHLE

Ingeborg Wahle ist am 13. Juni 1939 geboren.
Sie lebte in Göttingen.
Ihre Eltern sind Elfriede und Willi Wahle.
Sie hat zwei Geschwister.
Sie heißen Heinz und Renate.

Die Geburt von Ingeborg ist schwer.
Sie muss mit einer Zange geholt werden.
Ingeborg hat eine Behinderung.

Ingeborg und Renate teilen sich ein Kinder-Zimmer.
Heinz hat ein eigenes Kinder-Zimmer.
Ingeborg sitzt immer auf einem Stuhl.
In der Küche.

Das Sozial-Amt sagt:
Ingeborg ist nicht gesund.
Willi geht mit Ingeborg zum Gesundheits-Amt.
Ingeborg wird von einem Arzt unter-sucht.
Der Arzt sagt:
Ingeborg hat eine Behinderung.
Ingeborg muss in eine Anstalt.

Die Eltern denken:
Das ist gut.
Da wird Ingeborg wieder gesund.
Ingeborg kommt nach Lüneburg in die Anstalt.
Sie wird in Haus fünf-und-zwanzig auf-genommen.
Das ist im April 1944.
Da ist Ingeborg vier Jahre alt.

Die Eltern haben auch Briefe geschrieben.
An Ingeborg und an den Arzt in der Anstalt.

Der Arzt antwortet Willi Wahle.
Der Arzt schreibt:
Ingeborg geht es schlecht.
Ingeborg wird nicht wieder gesund.

Die Mutter von Ingeborg schreibt einen Brief.
Sie kann Ingeborg nicht mehr besuchen.
Der Krieg macht es nicht möglich.
Kein Zug fährt.

Will Wahle kann auch nicht mehr kommen.
Er ist Soldat in Posen.
Deswegen entscheidet der Arzt in der Anstalt:
Ingeborg muss sterben.
Die Eltern können es nicht mehr verhindern.

Ingeborg wird ermordet.
Sie stirbt am 24. Februar 1945.

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