EDDA PURWIN (1940 – 1942)


Einweisungsanordnung des »Reichsausschusses« vom 18.9.1941.
NLA Hannover Hann. 138 Lüneburg Acc. 102/88 Nr. 3027.
Als Friedrich Daps in der Lüneburger »Kinderfachabteilung« ankam, hatte er schon viel hinter sich. Aus der Pestalozzistiftung in Großburgwedel kam er nach wenigen Tagen in die Anstalt Hannover-Langenhagen, von dort in die Rotenburger Anstalten. Diese Aufnahme ist das einzige erhaltene Bild von ihm. Das Foto entstand vermutlich in den Rotenburger Anstalten. Friedrich Daps stammte aus Isernhagen, sein Vater war Friedhofsgärtner. Es gab die Annahme, er sei taub und stumm.
Das ist ein Foto von Friedrich Daps.
Es ist das einzige Foto von ihm.
Sein Vater ist Gärtner.
Friedrich Daps kommt aus Isernhagen.
Friedrich Daps kommt
in die Kinder-Fachabteilung nach Lüneburg.
Die Ärzte glauben:
Friedrich Daps ist taub und stumm.
Friedrich Daps ist vorher schon
in anderen Anstalten und Heimen gewesen:
• Pestalozzistiftung.
• Hannover Langenhagen.
• Rotenburger Anstalten.

Friedrich Daps, 1938.
NLA Hannover Hann. 155 Lüneburg Acc. 56/83 Nr. 218.

Es gibt nur diese wenigen Fotos von Friedrich Daps‘ Familie.
Dora und Gustav Daps (Großeltern), Isernhagen, vor 1914.

Die Brüder Fritz, Ernst und Willi Daps (Vater) (von links nach rechts), etwa 1930.

Ernst Daps Junior (Cousin), vor 1956.
ArEGL 126.
Das sind Fotos von der Familie von Friedrich Daps.
Es gibt nur wenige Fotos von der Familie.

Auf vier Fotos aus einem Album ist Günter Schulze inmitten seiner Familie zu sehen. Er war ein fröhliches Kind und immer dabei, 1938.
Privatbesitz Ursula (Ulla) Heins | ArEGL 86.

Seite aus einem Familien-Album, 1938 – 1941.
Foto der Geschwister Ulla und Günter Schulze beim Schlittenfahren, 1940.
Privatbesitz Ursula (Ulla) Heins | ArEGL 87.
Das sind Fotos
von Günter Schulze und seiner Familie.
Günter ist immer dabei.
Er ist ein fröhliches Kind.
Sieben Monate lang verweigerte Günters Mutter die Zahlung der Pflegekosten. Erst nach Zahlungseingang wurden ihr im Oktober 1945 die Kleidungsstücke ihres Sohnes ausgehändigt – über ein Jahr nach Günters Tod. Dafür musste sie nach Lüneburg reisen.
Günter Schulze kommt
in die Kinder-Fachabteilung nach Lüneburg.
Er wird dort ermordet.
Seine Mutter soll dafür bezahlen.
Aber die Mutter bezahlt nicht.
Sie sagt:
Durch euch ist mein Kind tot.
Dafür bezahle ich nicht.
Darum bekommt die Mutter
Günters Sachen nicht zurück.
Nach 7 Monaten bezahlt die Mutter doch
für die Kinder-Fachabteilung.
Jetzt bekommt sie die Kleidung
von Günter zurück.
Die Mutter muss nach Lüneburg reisen,
um die Sachen zu holen.
Das steht auf dieser Postkarte
aus dem Jahr 1945.
Da ist Günter schon ein Jahr tot.


Postkarte des Landkreises Hannover an die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg vom 1.3.1945.
NLA Hannover Hann. 155 Lüneburg Acc. 56/83 Nr. 387.


Christa Jordan und ihre Geschwister Margret und Friedrich im Schnee, Winter 1942.
ArEGL 175-2-6.
Zwei Bilder im Schnee, entstanden im Winter 1942 auf dem Hof der Eltern in Knesebeck. Nur wenige Wochen später wurde Christa Jordan in die »Kinderfachabteilung« Lüneburg aufgenommen und nach drei Monaten Aufenthalt ermordet. Ihr Vater Fritz Jordan hatte vergeblich versucht, sie in die Bodelschwinghschen Anstalten Bethel in Bielefeld einweisen zu lassen. Ihre Aufnahme in Lüneburg hatten die Eltern ausdrücklich abgelehnt.
Das sind Fotos von Christa Jordan und
ihren Geschwistern im Schnee.
Die Fotos sind aus dem Jahr 1942.
Die Fotos sind in Knesebeck gemacht
auf dem Hof von Christas Eltern.
Kurz danach passiert das:
Christa soll in die Kinder-Fachabteilung
nach Bethel.
Dort gibt es ein Heim
für Kinder mit Behinderungen.
Die Eltern wollen das nicht.
Aber man zwingt die Eltern.
Sie müssen Christa
in die Anstalt nach Lüneburg bringen.
Christa kommt in die Kinder-Fachabteilung,
gegen den Willen ihrer Eltern.
Christa ist 3 Monate.
Dann wird sie ermordet.
Fritz Jordan besuchte seine Tochter in Lüneburg, als es ihr gesundheitlich noch nicht schlecht ging. Christas Mutter Anna nahm den Weg nach Lüneburg im Mai 1942 zweimal auf sich. Nach dem ersten Besuch erholte sich Christa offenbar. Da jedoch unverändert »Bildungsunfähigkeit« bescheinigt wurde, kam sie weiterhin für die Ermordung infrage.
Fritz Jordan ist der Vater von Christa.
Er besucht Christa in der Anstalt in Lüneburg.
Da geht es ihr noch gut.
Anna Jordan ist die Mutter von Christa.
Sie besucht Christa im Mai 1942.
Das ist kurz vor Christas Tod.
Beim ersten Besuch geht es Christa schlecht.
Beim zweiten Besuch geht es Christa besser.
Aber Christa bekommt eine schlechte Beurteilung von den Ärzten.
Die Ärzte sagen:
Christa kann nicht lernen.
Darum wird Christa ermordet.
Auf der Sterbe-Urkunde steht:
Christa ist an einer Lungen-Entzündung gestorben.
Aber das stimmt nicht.

Sterbeurkunde von Christa Jordan, 2.6.1942.
ArEGL 175-2.

Edelweiß-Anhänger, um 1941.

Christian Meins, um 1940.
ArEGL 169.
Als im Sommer 1943 viele Kinder starben, behaupteten Willi Baumert und Max Bräuner, das seien alles Bombengeschädigte aus Hamburg. Tatsächlich gab es nur ein einziges Kind, das in diesem Zusammenhang zufällig in die Lüneburger »Kinderfachabteilung« aufgenommen wurde: Christian Meins. Dieser Anhänger in Form einer Edelweiß-Blüte gehörte zu Christians Trachtenjacke. Er trug ihn immer bei sich.
Im Sommer 1943 sterben viele Kinder
in der Anstalt in Lüneburg.
Die Ärzte Willi Baumert und Max Bräuner sagen:
Die toten Kinder kommen aus Hamburg.
Die Kinder sind von Bomben verletzt worden.
Aber das stimmt nicht.
Die Kinder werden ermordet.
Nur ein Kind kommt verletzt aus Hamburg. Das Kind ist Christian Meins.
Das ist ein Ketten-Anhänger von Christian Meins.
Der Ketten-Anhänger hat die Form
von einer Blume.
Die Blume heißt: Edelweiß.
Der Ketten-Anhänger gehört zu einer Jacke.
Christian hat den Ketten-Anhänger immer dabei.
CHRISTIAN MEINS (1939 – 1943)
HEINRICH HEROLD (1934 – 1942)
»Der kleine Heini, der war so ruhig, aber den haben sie weggegeben.«
Interview mit Ilse Sievers vom 2.11.2013.
ArEGL.
Die Familie sagt:
Heinrich ist ein liebes Kind.
Wir verstehen nicht, dass er weg muss.
LUBA GORBATSCHUK (1943 – 1944)

Auszug aus der Krankengeschichte von Luba Gorbatschuk.
NLA Hannover Hann. 155 Lüneburg Acc. 56/83 Nr. 67.

Laufgewichts-Tischwaage mit Waagschale, um 1910.
ArEGL 143.
Ab 1944 verhungerten viele Kinder und Jugendliche oder starben an Infektionskrankheiten, die durch Mangelernährung und fehlende Sauberkeit ausgelöst worden waren. Das Hungersterben endete erst im Sommer 1946, weil sich auch nach dem Krieg niemand um eine bessere Verpflegung und Ausstattung bemühte.
In den Jahre 1944 und 1945 geht es den Menschen
in Deutschland sehr schlecht.
Das ist kurz vor dem Ende vom Zweiten Weltkrieg.
Auch den Kindern in der Kinder-Fachabteilung
in Lüneburg geht es sehr schlecht.
Alle haben Hunger.
Und keiner kümmert sich um sie.
Viele Kinder sterben.
Sie verhungern.
Und sie sterben an Krankheiten,
weil sie eine schlechte Behandlung bekommen.
Das geht bis zum Sommer 1946.
Da ist die Nazi-Zeit schon über ein Jahr vorbei.
Das ist eine Waage für Babys.
Sie ist aus dem Jahr 1910.

Heinz Knorr, um 1943.
Privatbesitz Familie Twesten.
Heinz Knorr aus Artlenburg verhungerte viele Monate nach Kriegsende. Er war bei der Räumung seines Dorfes weggelaufen. Seine Eltern hatten ihn vergeblich gesucht und bekamen erst nach seinem Tod die Nachricht, dass er in der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg aufgenommen worden war.
Das ist ein Foto von Heinz Knorr aus dem Jahr 1943.
Er kommt aus Artlenburg.
Er ist 13 Jahre alt.
Es ist noch Krieg und
in Artlenburg kämpfen die Soldaten noch.
Heinz hat Angst.
Er läuft weg von zu Hause.
Man findet ihn.
Aber er kann nicht sagen, wer er ist.
Denn Heinz hat eine Behinderung.
Darum kommt er in die Anstalt nach Lüneburg.
Seine Eltern wissen nichts davon.
Dann stirbt Heinz.
Er verhungert.
Erst dann erfahren die Eltern:
Heinz war die ganze Zeit in der Anstalt in Lüneburg.
RUDOLF (RUDI) HAGEDORN (1929 – 1945)

Rudolf Hagedorn auf dem Schoß seiner Mutter Margarete, um 1931.

Ingrid auf dem Arm ihres Bruders Rudolf Hagedorn, etwa Januar 1943.
Privatbesitz Ingrid Hruby.
»Wenn er erst wieder hergestellt ist, könnte m. E. dem Gedanken seiner Entlassung nähergetreten werden.«
NLA Hannover Hann. 155 Lüneburg Acc. 56/83 Nr. 258.
Das ist aus der Kranken-Geschichte
von Rudolf Hagedorn.
Max Bräuner sagt:
Rudolf kann wieder nach Hause.
Aber davor muss er wieder kräftiger werden.
Mit der »Wiederherstellung« meinte Max Bräuner Rudis Rückkehr zu seinen alten Kräften. Sechs Tage später, am 27. Juni 1945, verhungerte Rudi in der »Kinderfachabteilung« Lüneburg. Als sich seine Mutter sorgenvoll an die Anstalt wandte, um sich zu erkundigen, wie es ihm gehe, war er schon fünf Tage tot. Sie war nicht benachrichtigt worden.
Denn Rudolf ist ganz schwach.
Aber Rudolf bekommt nicht genug zu essen
in der Kinder-Fachabteilung.
Darum kann er nicht kräftiger werden.
Rudolf verhungert.
Er stirbt im Juni 1945.
Das ist eine Postkarte von Rudolfs Mutter.
Sie fragt:
Wie geht es meinem Sohn.
Sie weiß nicht:
Rudolf ist schon 5 Tage tot.
Keiner hat es ihr gesagt.

Karten von Margarete Hagedorn an die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg vom 2. und 5.7.1945.
NLA Hannover Hann. 155 Lüneburg Acc. 56/83 Nr. 258.
In diesem Kinderschuh lernte Rudolf Hagedorn das Laufen. Er gehört zu den wenigen Habseligkeiten, die seine Mutter während der Flucht aus Pommern zur Erinnerung an ihren »kleinen Rudi« retten konnte. Er wurde in einer Schachtel mit wenigen weiteren Erinnerungsstücken aufbewahrt und ist heute neben ein paar wenigen Fotos das Einzige, was Rudolfs Schwester Ingrid noch von ihrem Bruder besitzt. Rudolf verhungerte Ende Juni 1945 in der Lüneburger »Kinderfachabteilung«.
Das ist ein Kinderschuh von Rudolf Hagedorn.
Rudolf kommt aus Pommern.
In den Jahren 1944 und 1945 musste
seine Familie flüchten.
Auf der Flucht können sie nur wenig mitnehmen.
Diesen Schuh nehmen sie mit und ein paar Fotos.
Auf diesem Foto sitzt Rudolf auf dem Schoß
von seiner Mutter.
Er ist auf dem Foto 2 Jahre alt.
Rudolf kommt in die Kinder-Fachabteilung
nach Lüneburg.
Da ist er schon 15 Jahre alt.
Er verhungert dort im Juni 1945.
Seine Schwester passt viele Jahre auf die Sachen
von Rudolf auf.
Es sind die einzigen Sachen von Rudolf.
Es sind Erinnerungs-Stücke.
Jetzt sind sie in der Gedenkstätte Lüneburg.

Kinderschuh, um 1930.
Privatbesitz Ingrid Hruby | ArEGL 170.

Rudolf Hagedorn auf dem Schoß seiner Mutter Margarete, um 1931.
Privatbesitz Ingrid Hruby.
Ausschnitt aus Film-Interviews mit Heinz Johanning, 2007 und 2010.
ArEGL 10g.
Es gibt nur einzelne Überlebende der Lüneburger »Kinderfachabteilung«, die die Verbrechen selbst aufgearbeitet haben. Karl-Heinz Wagener (geb. 1940) nahm sich einen Anwalt und erstritt gerichtlich eine Wiedergutmachung. Er starb in Hamburg. Heinz Johanning (1928 – 2020) aus Hannover blieb nach seiner Entlassung in Lüneburg. 2007 und 2010 gab er ein Interview. Darin beschrieb er die »Kinderfachabteilung« aus seiner Kindheitserinnerung.
Nur wenige Kinder haben
in der Kinder-Fachabteilung überlebt.
Nur wenige Überlebende wollen über ihre Zeit
in der Kinder-Fachabteilung reden.
Karl-Heinz Wagener geht vor Gericht.
Er will Geld haben,
für die schlimme Zeit in der Anstalt.
Er bekommt das Geld.
Heinz Johanning bleibt in Lüneburg.
Er lebt alleine in einer Wohnung.
In einem Film erzählt er, wie es in der Nazi-Zeit war.
Er ist ein Zeitzeuge.



