WER MACHTE MIT?

»Zentraldienststelle« (»Zentrale«) in der Villa in der Tiergartenstraße 4, um 1935.
Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 (01) Nr. 0152461 | Fotograf Walter Köster.
In Berlin wurde ein Amt (»Zentraldienststelle« oder »Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten«) geschaffen, das den Krankenmord verwaltete. Es hatte seinen Sitz in der Tiergartenstraße 4. Dort kamen alle Meldebögen an und wurden an 40 Gutachter weitergeleitet. Sie entschieden nur anhand dieser Unterlagen, ob ein Mensch mit Gas ermordet werden sollte oder nicht. Falls ja, machten sie ein rotes Pluszeichen, falls nein, machten sie ein blaues Minuszeichen auf den Bogen.
Für den Kranken-Mord gibt es ein extra Amt.
Das Amt heißt: Zentraldienststelle.
Das Amt ist in einer Villa.
Die Adresse vom Amt ist:
Tiergartenstraße 4 in Berlin.
Dort planen die Nazis den Kranken-Mord mit Gas.
Das ist ein Foto von der Villa in der Tiergartenstraße 4 aus dem Jahr 1935.
In der Zentraldienststelle arbeiten 40 Ärzte.
Sie entscheiden,
welche Kranke ermordet werden.
Darf ein Kranker am Leben bleiben.
Dann machen die Ärzte einen blauen Strich
auf die Kranken-Akte.
Muss ein Kranker sterben.
Dann machen sie ein rotes Kreuz
auf die Kranken-Akte.
Die Obergutachter waren Werner Heyde, Paul Nitsche und Herbert Linden. Infolge ihrer Entscheidungen wurden insgesamt etwa 100.000 Menschen ermordet. Der Gas-Mord an Erkrankten wurde nach der Adresse der »Zentrale« als »Aktion T4« bezeichnet. Der Gas-Mord an KZ-Häftlingen in drei Tötungsanstalten hieß »Sonderbehandlung 14f13«.
Die 40 Ärzte von der Zentraldienstelle haben
3 Chefs.
Die 3 Chefs entscheiden:
Wer wird Opfer vom Kranken-Mord mit Gas.
Ein Chef ist Paul Nitsche.
Er ist auf diesem Foto.
Das Foto ist aus dem Jahr 1930.
Der Kranken-Mord mit Gas heißt: Aktion T4.
T4 steht für Tiergartenstraße 4.
Das ist die Adresse von der Zentraldienststelle
in Berlin.
Es werden auch Häftlinge ermordet.
Sie kommen aus Konzentrations-Lagern.
Sie werden in Anstalten ermordet.
Dieser Mord heißt:
Sonderbehandlung 14f13.
Über 100 Tausend Menschen werden in den Anstalten mit Gas ermordet.

Paul Nitsche, um 1930.
Sächsisches Staatsarchiv, 13859 Staatskanzlei, 6081.
»Es ist doch herrlich, wenn wir in den Anstalten den Ballast loswerden und nun richtige Therapie treiben können.«
Paul Nitsche zitiert nach Georg Andreae, 8.8.1961.
Paul Nitsche sagt:
Es ist toll,
wenn schwer Kranke ermordet werden.
Dann haben wir mehr Platz und
können richtige Behandlungen machen.

Hans Hefelmann, um 1954.
Aus: Andreas Kinast: »Das Kind ist nicht abrichtfähig«. »Euthanasie« in der Kinderfachabteilung Waldniel 1941 – 1943, Köln/Weimar/Wien 2014, S. 52.
Für die Umsetzung der »Kinder-Euthanasie« wurde im Mai 1939 ein »Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden« (»Reichsausschuss«) geplant. Es war eine Tarnorganisation. Zur Planungsgruppe gehörten Karl Brandt, Philipp Bouhler und Werner Catel. Außerdem gehörten Herbert Linden, Hans Hefelmann und drei beratende Ärzte (Hellmuth Unger, Hans Heinze und Ernst Wentzler) dazu.
Einige Ärzte treffen sich,
um den Kranken-Mord an Kindern zu planen.
Sie nennen sich: Reichsausschuss.
Die Ärzte Karl Brandt, Philipp Bouhler und
Werner Catel gehören zum Reichsausschuss.
Das ist ein Foto von Hans Hefelmann
aus dem Jahr 1954.
Er ist auch im Reichausschuss.
Hans Heinze, Werner Catel und Ernst Wentzler erklärten sich bereit, Gutachter im »Reichsausschuss« zu sein. Sie bewerteten die Kinder und Jugendliche danach, ob sie für die »Kinder-Euthanasie« infrage kamen. Durch ihre Entscheidungen kam es zu Zwangseinweisungen in »Kinderfachabteilungen« und Tötungen, abhängig von einer angeblich festgestellten »Bildungs- und Entwicklungsunfähigkeit«. Der »Reichsausschuss« unterstand der Kanzlei des Führers.
Die Ärzte Hans Heinze, Werner Catel und
Ernst Wentzler sind Gutachter im Reichsausschuss.
Sie entscheiden bis zum Jahr 1945:
• Welche Kinder kommen
in eine Kinder-Fachabteilung.
• Welche Kinder können zu Hause bleiben.
Sie beraten auch die Ärzte
in den Kinder-Fachabteilungen.
Sie entscheiden zum Beispiel:
Welche Kinder mit Behinderung werden ermordet und welche nicht.
Einige Kinder mit Behinderung gehen
normal zur Schule und können lernen.
Diese Kinder werden nicht ermordet.
Sie dürfen weiterleben.
Alle anderen Kinder mit Behinderung sollen ermordet werden.
Die 3 Gutachter entscheiden allein.
Aber Adolf Hitler ist ihr Chef.

Ernst Wentzler, nach 1945.
Kopie ArEGL. | World War II Museum New Orleans.

Land- und Amtsgericht Lüneburg sowie Sitz des Gesundheitsamtes Lüneburg, 1943/1944.
StadtALg BS-45027.
Jedes Verfahren wurde von einem Richter und zwei ärztlichen Beisitzern geführt. Dies waren je ein Amtsrichter (Stölting, Börner, Jahn, Severin oder van Leesen), ein niedergelassener Arzt (Dressler, Vosgerau, Bergmann oder Cropp) und ein verbeamteter Arzt (Bräuner, Rohlfing oder Sander). Gutachter und Beisitzer durften nicht dieselbe Person sein. Die Entscheidungen wurden im Gericht oder in der Anstalt getroffen. Sie folgten den Empfehlungen des Gesundheitsamtes. Weil dieses 1943 in den Anbau zog, in dem sich bereits das Erbgesundheitsgericht befand, waren die Wege kurz.
Bei einer Verhandlung vor dem Sondergericht
in Lüneburg sind immer 3 Richter dabei:
• ein Richter.
• ein Arzt mit einer eigenen Praxis.
• ein Amts-Arzt.
Einige Ärzte sind auch Richter und Gutachter.
Ist ein Arzt Gutachter bei einem Kranken.
Dann darf er bei der Verhandlung vor Gericht, nicht der Richter sein.
Ärzte dürfen nicht über ihre eigenen Kranken entscheiden.
Die Verhandlungen sind im Gericht
oder in der Anstalt in Lüneburg.
Der Richter hat oft die gleiche Meinung,
wie der Amts-Arzt vom Gesundheits-Amt.
Gesundheits-Amt und Sondergericht sind
in Lüneburg in einem Haus.
Sie arbeiten oft zusammen.
Auf diesem Foto ist das Haus
vom Sondergericht und vom Gesundheits-Amt in Lüneburg.
Das Foto ist etwa aus dem Jahr 1943.
HANS ROHLFING (1890 – 1977)

Vortragstext [Auszug] zum Kursus über die Durchführung des »Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« von 1. bis 15.6.1934.
NLA Hannover Hann. 138 Lüneburg Acc. 101/88 Nr. 275.
Die erbbiologische Erfassung und Begutachtung von »Erbkranken« war seine Hauptaufgabe. 1938 meldete Hans Rohlfing dem Amt für Volksgesundheit, dass 80 Prozent aller »Erbkranken und erbkranken Familien« von ihm erfasst seien. Er entschied über Ehetauglichkeit und Kinderbeihilfe, stellte im Auftrag der Gestapo die sogenannte »Rassenzugehörigkeit« von Häftlingen fest und bildete Fürsorger*innen und Gemeindeschwestern zur Anwendung der Rassengesetze aus.
In der Nazi-Zeit entscheidet Hans Rohlfing,
welche Menschen erbkrank sind.
Erbkrank heißt:
In der Familie gibt es eine Krankheit.
Zum Beispiel: Eine Mutter gibt eine Krankheit an ihre Kinder weiter.
Hans Rohlfing schreibt alle Menschen
mit Erbkrankheiten auf.
Und er sammelt Infos über die Familien
von den erbkranken Menschen.
Er schreibt sehr viele Menschen auf.
Nach 4 Jahren hat er schon fast alle Menschen mit Erbkrankheiten in Lüneburg aufgeschrieben.
Hans Rohlfing entscheidet auch,
welche Menschen heiraten dürfen.
Und welche Menschen Kindergeld bekommen.
Er prüft: Welche Häftlinge sind gesunde Deutsche.
Und er unterrichtet Sozialarbeiter.
Sozialarbeiter müssen Menschen bewerten.
Hans Rohlfing bringt ihnen bei,
wie das geht.
Nur gesunde deutsche Menschen sollen
gute Bewertungen bekommen.
Und nur gesunde Menschen
• dürfen heiraten.
• dürfen Kinder bekommen.
• bekommen Kindergeld.
»Der nationalsozialistische Staat hat als einer der ersten der europäischen Staaten die Energie aufgebracht […] durch Gesetzgebung die Grundlagen zu schaffen, um der drohenden Entartung durch die Zunahme erbkranker Personen aufzuhalten.«
Hans Rohlfing, Juni 1934.
NLA Hannover Hann. 138 Lüneburg Acc. 101/88 Nr. 275.
Hans Rohlfing sagt:
Deutschland ist das erste Land in Europa
mit einem Gesetz gegen Krankheiten.
In Deutschland gibt es Zwangs-Sterilisationen
bei Frauen und Männern.
Darum gibt es weniger kranke Menschen
in Deutschland.

Abschrift der Ernennungsurkunde zum Oberregierungs- und Medizinalrat vom 2.11.1944.
NLA Hannover Nds. 120 Lüneburg Acc. 131/88 Nr. 222.
Hans Rohlfing entschied über 3.700 Anzeigen zur Zwangssterilisation. Bis zum 1. Oktober 1944 war Rohlfing an jedem Gerichtsverfahren zur Sterilisation beteiligt, entweder als Gutachter oder als Richter. Für seinen Fleiß wurde er einen Monat später von Adolf Hitler persönlich befördert. Nach dem Krieg ging seine Karriere weiter. Er starb am 26. Februar 1977 im Alter von 86 Jahren und hinterließ keine Kinder.
Hans Rohlfing entscheidet
über Zwangs-Sterilisationen.
Das macht er über 3.700-mal.
Er entscheidet als Arzt und als Richter.
Adolf Hitler belohnt ihn dafür.
Er wird befördert und bekommt mehr Geld.
Er ist auch nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich.
Er stirbt im Jahr 1977.

Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, 1933.
ArEGL 166.
Das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« wurde am 14. Juli 1933 verabschiedet und trat am 1. Januar 1934 in Kraft. Es regelte die Zwangssterilisation.
Diese Ausgabe befand sich in der Bücherei der heutigen Psychiatrischen Klinik Lüneburg. Handschriftliche Notizen belegen, dass sie vom Ärztlichen Direktor Max Bräuner genutzt wurde. Er war zur Meldung von Erkrankten verpflichtet. Darüber hinaus war er Beisitzer am Erbgesundheitsgericht Lüneburg und entschied über Zwangssterilisationen bzw. Zwangsabtreibungen. Das Dokument zeigt, wie sehr er sich in diese Aufgabe einarbeitete.
Ab dem Jahr 1933 gibt es in Deutschland
ein neues Gesetz.
Das Gesetz heißt:
Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses.
Durch dieses Gesetz können
die Nazis bestimmen:
Wer darf Kinder bekommen und wer nicht.
Menschen mit Behinderungen
und seelisch Kranke dürfen keine Kinder bekommen.
Darum machen die Nazis sie unfruchtbar.
Die Regeln für das Unfruchtbarmachen stehen in dem Gesetz.
Zum Beispiel:
Ärzte müssen Bescheid sagen,
wenn sie Kranke behandeln.
Dann schreibt man die Kranken auf eine Liste.
So wissen die Nazis,
wo es Kranke in Deutschland gibt.
Einige Ärzte arbeiten bei einem Sondergericht.
Es heißt: Erbgesundheits-Gericht.
Dieses Gericht entscheidet,
welche Menschen unfruchtbar gemacht werden.
In diesem Heft steht das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses.
In dem Gesetz steht:
Kranke Menschen dürfen
keine Kinder bekommen.
Das Gesetz ist aus dem Jahr 1933.
Das Heft gehört Max Bräuner.
Er ist der Ärztliche Direktor
von der Anstalt in Lüneburg.
Er hält sich an das Gesetz.
Er streicht im Heft an, was ihm wichtig ist.
Er schreibt auf, was er über das Gesetz denkt.
Max Bräuner will viele Kranke melden,
damit sie auf der Liste stehen.
Dann wissen die Nazis, wo es Kranke gibt.
Und Max Bräuner wird Richter
am Erbgesundheits-Gericht.
Man sieht an diesem Heft,
wie gut er sich darauf vorbereitet hat.
EDZARD STÖLTING (1885 – 1960)

Edzard Stölting, 1934.
NLA Hannover Hann. 173 Acc. 57/98 Nr. 361/2.
Das ist ein Foto von Edzard Stölting
aus dem Jahr 1934.
In dem Jahr wird er Richter
am Sondergericht in Lüneburg.

Auszug aus einer Beurteilung, 1934.
NLA Hannover Hann. 173 Acc. 57/98 Nr. 361/2.
Im Jahr 1930 trat Edzard Stölting die Stelle eines Amtsgerichtsrates beim Landgericht Lüneburg an. Da waren seine Frau und er schon lange überzeugte Nationalsozialisten. Nach Inkrafttreten des »Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« wurde er leitender Richter des Lüneburger Erbgesundheitsgerichts. Bis zum 1. Januar 1940 entschied er über 500 Zwangssterilisationen. Er lehnte nur etwa 60 Anträge ab.
Edzard Stötling ist schon ab dem Jahr 1930
Richter in Lüneburg.
Seine Frau und er sind Nazis.
Darum wird er im Jahr 1940
Leiter vom Sondergericht.
In der Nazi-Zeit entscheidet er
bei über 500 Zwangs-Sterilisationen.
Er lehnt nur 60 ab.
»Stölting […] arbeitet gewissenhaft, gründlich und sehr fleissig. In Erbgesundheitssachen hat er sich bewährt. Er hat sich bereits seit vielen Jahren mit der Gedankenwelt des Nationalsozialismus beschäftigt […].«
Edzard Stölting bekommt ein Zeugnis.
Darin steht:
• Er ist sehr fleißig.
• Er ist gründlich.
• Er leistet viel.
• Er ist ein Vorbild für andere Nazis.

Leumundszeugnis [Auszug] von Curt Mangoldt/Certification vom 5.6.1947.
NLA Hannover Hann. 173 Acc. 57/98, Nr. 361/2.
Am 8. Januar 1940 wurde Stölting in den Kriegsdienst eingezogen. Im April 1945 geriet er in Kriegsgefangenschaft. Im Mai 1946 wurde sein Privathaus in der Egersdorffstraße 4 beschlagnahmt. Er kehrte daraufhin nach Eimbeckhausen zurück. Ohne Einbußen ging Stölting 1950 in den Ruhestand. Es half ein Brief, der ihn als Mensch von »väterlicher Güte« beschrieb, dessen Entscheidungen zum Wohle der Betroffenen gewesen seien. Er starb 1960 in Hameln.
Im Januar 1940 muss Edzard Stötling als Soldat
in den Zweiten Weltkrieg.
Ab dann ist er nicht mehr Richter
am Sondergericht.
Ein Freund von ihm schreibt einen Brief an seinen Anwalt.
Der soll ihn entlasten.
In dem Brief steht:
Edzard Stölting war ein guter Richter.
Er hatte ein großes Herz für seine Opfer.
Das stimmt nicht.
Aber man glaubt, was in dem Brief steht.
Darum bekommt Edzard Stötling volle Rente,
obwohl er ein Nazi ist.
Edzard Stötling stirbt im Jahr 1960.
Hilfsschulen, Schulen, kirchliche und privat getragene Heime sowie Kinderkrankenhäuser meldeten Kinder und Jugendliche für eine Einweisung in eine Anstalt oder direkt in die »Kinderfachabteilung« Lüneburg. Sie trugen daher Mitverantwortung für die Verbrechen, die sich ihrer Auswahl und Meldung ihrer Schützlinge anschloss. Die Einrichtungsleitungen prägten den Umgang mit Menschen mit Behinderungen bis weit in die Nachkriegszeit, insbesondere im Bereich der Sonder- und Heilpädagogik.
Die Bewertung der Hilfsschule über Helmut Quast führte zu seiner Zwangseinweisung in die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission. Drei Jahre später wurde er in der »Kinderfachabteilung« Lüneburg ermordet.
Der Kranken-Mord in der Nazi-Zeit passiert
in Krankenhäusern.
Aber viele andere helfen dabei:
• Mitarbeiter von Schulen.
• Mitarbeiter von Heimen.
• Mitarbeiter von Kinder-Krankenhäusern.
Die Mitarbeiter melden Kinder
• für die Kinder-Fachabteilung.
• für die Zwangs-Sterilisation.
Sie schreiben schlimme Bewertungen
über Kinder.
Sie übergeben Kinder
in die Kinder-Fachabteilung.
Sie retten zu wenig Kinder.
Darum sind sie Mord-Helfer.
Nach dem Krieg fragt keiner,
was die Mitarbeiter im Krieg gemacht haben.
Alle arbeiten weiter wie vorher.
Sie bestimmen auch nach dem Krieg,
wie man mit Menschen mit Behinderungen umgeht.
Das ist eine Bewertung für Helmut Quast.
Er wird in der Kinder-Fachabteilung
in Lüneburg ermordet.

Beurteilungen von Helmut Quast, 1938/1939.
NLA Hannover Hann. 155 Lüneburg Acc. 56/83 Nr. 355.

Adolf Wilke, um 1930.
StadtALg BS 44318.
GUSTAV MARX (1909 – 1973)

Emilie und Gustav Marx vor Haus 29 des Niedersächsischen Landeskrankenhauses Lüneburg, Winter 1950.
Kopie ArEGL | Privatbesitz Volker Marx.
Marx stammte aus Essen. Sein Vater arbeitete für die Industriellen-Familie Krupp. 1914 schloss Marx sein Medizinstudium ab und arbeitete im Ersten Weltkrieg als Feldarzt. 1916 heiratete er die Kaufmannstochter Emilie Boeckling. Nach Kriegsende arbeitete er als niedergelassener Arzt und als Kreiskommunalarzt in Wengern und in Herford im Amt für Volksgesundheit. Am 1. Januar 1936 begann er in der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg. 1933 wurde er Mitglied der NSDAP und trat zehn verschiedenen Parteiorganisationen bei. Im Juni 1940 wurde er vom Kriegsdienst befreit. Gegenüber seinen mordenden Kollegen verhielt er sich loyal.
Gustav Marx kommt aus Essen.
Im Jahr 1914 ist Gustav Marx Arzt im Ersten Weltkrieg.
Im Jahr 1916 heiratet Gustav Marx.
Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitet er
in einer Arzt-Praxis.
Dann wird er Arzt bei der Stadt in Wengern und in Herford.
Gustav Marx ist ein Nazi.
Im Jahr 1933 wird er Mitglied
in der Nazi-Partei.
Er wird auch Mitglied
in 10 anderen Nazi-Vereinen.
Er muss nicht als Soldat
in den Zweiten Weltkrieg.
Gustav Marx weiß von den Verbrechen
in der Nazi-Zeit.
Er weiß,
welche Ärzte mitmachen bei den Verbrechen.
Aber er behält es für sich.
Er verrät keinen Arzt.
Und er macht auch nichts
gegen die Verbrechen.

Urkunde über die Verleihung des Kriegsverdienstkreuzes 2. Klasse an Gustav Marx vom 30.1.1943.
ArEGL 47 | Privatbesitz Volker Marx.
Diese Urkunde trägt die Originalunterschrift von Adolf Hitler und Otto Meissner, Staatssekretär in der Präsidialkanzlei. Anlässlich des 10. Jahrestages der Machtübernahme am 30. Januar 1943 wurde Soldaten, die sich im Ersten Weltkrieg verdient gemacht hatten, das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse verliehen. Mit dieser Urkunde wurde auch Oberarzt Gustav Marx ausgezeichnet.
Das ist eine Urkunde
mit der Unterschrift von Adolf Hitler.
Die Urkunde ist für Gustav Marx.
Er hat im Ersten Weltkrieg gut gekämpft.
Darum bekommt er diese Urkunde und
einen Orden von den Nazis.
Gustav Marx hat die Urkunde
am 30. Januar 1943 bekommen.
Da haben die Nazis seit 10 Jahren die Macht
in Deutschland.
WER MACHTE MIT?

Max Bräuner (Mitte) mit dem Examensabschlusskurs der Pflegekräfte der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg, um 1939.
ArEGL.
Viele Ärzt*innen und Pflegekräfte der Lüneburger Heil- und Pflegeanstalt waren an Zwangssterilisationen und Krankenmorden beteiligt. Namentlich waren es vor allem Willi Baumert, Gustav Marx, Rudolf Redepenning, Bernhard Winninghoff, Clara Schmidt und die Pflegekräfte Wilhelmine Wolff, Ingeborg Weber und Dora Vollbrecht. Hauptverantwortlich für diese Verbrechen war der Ärztliche Direktor Max Bräuner. Durch ihr Mitmachen wurden über 800 Menschen sterilisiert und rund 2.000 Menschen starben gewaltsam.
WER MACHTE MIT?
Der Kranken-Mord passiert in der Anstalt
in Lüneburg.
Viele Ärzte und Pfleger aus der Anstalt machen mit bei den Morden.
Sie machen mit bei Zwangs-Sterilisationen und bei Zwangs-Abtreibungen.
Sie entscheiden:
• Wer muss unfruchtbar gemacht werden.
• Wer soll sterben.
Beim Kranken-Mord in Lüneburg werden etwa 2.000 Kranke ermordet.
Und über 800 Kranke werden unfruchtbar gemacht.
Auf diesem Foto sieht man Pfleger
von der Anstalt in Lüneburg.
In der Mitte sitzt der Arzt Max Bräuner.
Er ist der Chef von der Anstalt in Lüneburg in der Nazi-Zeit.
Er hat die meiste Schuld am Kranken-Mord
in Lüneburg:
Er ist der Haupttäter.
HEINRICH BEHR (1871 – 1938)

Heinrich Behr, um 1924.
ArEGL.

Brief des Landesdirektoriums der Provinz Hannover an die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg vom 1.4.1924.
ArEGL.
CLARA SCHMIDT (1891 – 1969)


Gutachten für das Erbgesundheitsobergericht Celle [Auszug] über Thea Marienberg vom 29.5.1940, S. 23 und 24.
NLA Hannover Hann. 155 Lüneburg Acc. 2004/066 Nr. 09169.
WILLI BAUMERT (1909 – 1984)

Willi Baumert, um 1938.
ArEGL.

Berlin Document Center | Kopie ArEGL.
Willi Baumert war 1932 Mitglied der NSDAP und 1933 Mitglied der SS geworden. Er eignete sich auch deshalb für die Leitung der »Kinderfachabteilung«, weil er wusste, wie tote Körper geöffnet und Organe entnommen wurden. Seine Entscheidung, Kinder zu ermorden, begründete er mit der Erforschung von Erbkrankheiten. Dafür entnahm er mehr als 330 Kindern die Gehirne und übergab sie zur weiteren Forschung an die Universitätsklinik Hamburg.
Willi Baumert ist ein Nazi.
Er ist Mitglied in der Nazi-Partei
und bei der SS.
Er weiß, wie man tote Körper aufschneidet.
Und er weiß,
wie man Organe aus toten Körpern rausholt.
Zum Beispiel:
das Gehirn.
Darum wird er Chef
von der Kinder-Fachabteilung.
Er muss die toten Kinder-Körper aufschneiden.
Er guckt sich die Gehirne an.
Das macht er über 330-mal.
Er erforscht die Krankheiten
und die Behinderungen von den toten Kindern.
Danach gibt er die Gehirne weiter
an die Uni in Hamburg.
Willi Baumert lässt die Kinder ermorden,
damit er ihre Gehirne untersuchen kann.
Willi Baumert geriet nur kurz in Kriegsgefangenschaft und machte nach dem Krieg Karriere. Erst nachdem er durch Zeugenaussagen schwer belastet worden war, entschied er sich, seine Verbrechen zu gestehen. Er starb 1984.
Im Jahr 1944 muss Willi Baumert als Soldat
in den Krieg.
Dann ist der Krieg vorbei.
Willi Baumert wird verhaftet.
Er kommt für kurze Zeit
in ein Lager für Gefangene.
Man fragt ihn:
Was hast du mit den Kindern gemacht?
Er sagt: Gar nichts.
Er lügt.
Aber man glaubt ihm.
Willi Baumert darf wieder als Arzt arbeiten.
Er ist sehr erfolgreich.
Viele Jahre später kommt raus:
Willi Baumert hat Kinder ermordet.
Das gibt er jetzt zu.
Aber er kommt trotzdem nicht ins Gefängnis.
Er stirbt im Jahr 1984.
RUDOLF REDEPENNING (1883 – 1967)

Rudolf Redepenning (links) mit seiner Ehefrau Lili und den acht erwachsenen Kindern, November 1943.
Kopie ArEGL.
WILHELMINE WOLFF (1903 – 1962)

Lüneburger Landeszeitung, 15./16.3.1952, S. 4.
StadtALg 8.2-LLA-B, 1952-03.
Im Oktober 1945 wurde Wilhelmine Wolff von der britischen Militärregierung gekündigt. Nach ihrer Entlassung arbeitete sie als Heilpraktikerin und vertrieb das selbst hergestellte Heilmittel »Lungentrost«. Es sollte Tuberkulose heilen. 1949 wurde sie als »entlastet« entnazifiziert und gründete den Deutschen Bund der Naturheilfreunde, dessen 1. Vorsitzende sie wurde.
Nach der Nazi-Zeit darf Wilhelmine Wolff nicht mehr
in der Anstalt in Lüneburg arbeiten.
Sie verlässt die Anstalt im Oktober 1945.
Wilhelmine Wolff arbeitet zu Hause weiter.
Sie stellt selbst ein Medikament
gegen Lungen-Krankheiten her.
Das steht in diesem Zeitungs-Artikel
von der Lüneburger Zeitung.
Wilhelmine Wolff wird Heilpraktikerin.
Im Jahr 1949 gibt es einen Verein
für Heilpraktiker in Deutschland.
Wilhelmine Wolff ist die Chefin vom Verein.
Nach dem Zweiten Weltkrieg prüft man:
Was hat Wilhelmine Wolff
in der Nazi-Zeit gemacht?
Aber man findet nichts raus.
Ihre Verbrechen bleiben geheim.
Bis zur Erarbeitung dieser Ausstellung.


ArEGL 100.
Dies ist eine Tablettendose des Barbiturates mit dem Handelsnamen Luminal aus den 1940er-Jahren. Max Bräuner und Willi Baumert entschieden sich, ihre Opfer überwiegend mit diesem Medikament zu ermorden. Aufgrund der hohen Verbrauchsmengen ist davon auszugehen, dass die Tabletten in Gläsern aufbewahrt wurden.
Diese Dose wurde 2018 von einem Historiker in einem Archiv gefunden und zusammen mit Glasspritzen verschiedenen Gedenkstätten angeboten. Die Gedenkstätte Hadamar stellt die Dose als Leihgabe zur Verfügung.
Das ist eine Dose
für ein Medikament .
Das Medikament heißt: Luminal.
Mit diesem Medikament werden
in der Nazi-Zeit viele Kinder ermordet.
Auch in der Kinder-Fachabteilung in Lüneburg ermordet man Kinder mit Luminal.
Dafür braucht man viel
von dem Medikament.
Darum gibt es bestimmt große Gläser
mit dem Medikament in der Nazi-Zeit.
Diese kleine Dose ist auch aus der Nazi-Zeit.
Man hat sie im Jahr 2018 gefunden.
Sie kommt nicht aus Lüneburg.
Sie gehört der Gedenkstätte in Hadamar.
Die Gedenkstätte Hadamar hat die Dose an die Gedenkstätte Lüneburg ausgeliehen.