NFC zu M9-01
UMGANG MIT DEM TOD
Familien hatten die Möglichkeit, die Toten oder die Urnen mit Asche nach Hause zu überführen und auf dem heimischen Friedhof zu begraben. Auf dem Lüneburger Anstaltsfriedhof wurden Gräberfelder für Kinder und für Erkrankte ausländischer Herkunft ausgewiesen. Viele Familien empfanden den Tod als »Erlösung«. Auch aus Scham überwog in vielen Familien ein jahrzehntelanges Schweigen. Selten wurde offen getrauert. Es gibt viele Angehörige, die deshalb erst heute vom Schicksal ihrer Verwandten erfahren.
Manche Familien wollen die Personen beerdigen.
Sie bekommen die Leiche.
Sie bekommen eine Urne.
Mit Asche eines Menschen.
In Lüneburg ist ein Anstalts-Friedhof.
Es gibt Bereiche.
Für Kinder.
Für »Ausländer«.
Viele Kranke sterben.
Viele Familien sind erleichtert.
Für sie ist der Tod etwas Gutes.
Eine Erlösung.
Viele Familien schämen sich.
Für den Kranken.
Sie reden nicht über den Kranken.
Sie erzählen nicht was passiert.
Viele Familien erfahren erst jetzt was mit dem Mensch geschehen ist.
In der Nazi-Zeit.

Auszug aus dem Sterbebuch der Kirchenegemeinde Sülze 1876 bis 1945, Seite 172 Nr. 8A.
ArEGL.
Es gab Familien, die sich aus den Tötungsanstalten Brandenburg, Pirna-Sonnenstein und Hadamar die Urne nach Hause schicken ließen. Die Asche der übrigen wurde weggekippt, etwa einen Abhang hinunter (Pirna-Sonnenstein). Die überstellten Urnen der Opfer der »Aktion T4« wurden auf Wunsch der Familien auf dem Heimatfriedhof beigesetzt. Viele nutzten hierfür bestehende Familiengräber. Es kam häufig vor, dass die Familien den Toten keine Beachtung schenkten.
In den Tötungs-Anstalten werden Menschen ermordet.
Danach werden die Leichen verbrannt.
Übrig bleibt Asche.
Manche Familien wollen die Asche haben.
Die Familien bekommen eine Urne mit Asche.
Die Familien beerdigen die Urne.
In einem Familien-Grab.
Manche Familien wollen aber auch nichts von den Toten wissen.
Vielen Familien ist es egal.
Die Asche von den Menschen wird weg-gekippt.
Zum Beispiel einen Ab-Hang.
In Pirna-Sonnenstein.
»*18.4.1908 Sülze, gestorben zu
Hadamar b. Limburg/Lahn (Landes Heil- und Pflegeanstalt)
(Standesamt Hadamar Mönchberg (Lahn) Nr. 238). Beerdigungsort unbekannt (eingeäschert) (auf Wunsch der Eltern ist
der Entschlafenen in der Kirche keine Erwähnung getan).«
Das ist ein Sterbe-Buch.
Im Sterbe-Buch stehen viele Namen.
Und Daten.
Von toten Menschen.
Das Sterbe-Buch ist aus der Kirche.
In Sülze.
Zu den Jahren 1876 bis 1945.
Im Buch steht Olga Schulze.
Olga Schulze wird ermordet.
In Hadamar.
Ihre Eltern sagen:
Bitte unsere Tochter nicht erwähnen.
Nicht im Gottes-Dienst.
Keiner soll es wissen.
Dass Olga in Hadamar gestorben ist.
Die Urne mit Therese Schuberts angeblicher Asche wurde nach Lüneburg überführt und auf dem Zentralfriedhof hinzugebettet. Die Friedhofsverwaltung forderte die Familie auf, sich wegen der Auflösung des Grabes bei der Verwaltung zu melden. Doch Therese Schuberts Sohn Theo stellte das Schild in ein anderes Grab und ignorierte die Aufforderung. Das Grab steht seit 2014 auf der Liste der historischen Gräber der Stadt Lüneburg und ist somit auf Dauer geschützt.
Das ist ein Grab.
Von Therese und Heinrich Schubert.
Therese Schubert wird ermordet.
Ihre Urne kommt nach Lüneburg.
Therese Schubert hat ein Grab.
Auf dem Zentral-Friedhof.
Später ist ein Schild auf dem Grab.
Von der Verwaltung.
Die Familie soll sich melden.
Das Grab soll weg.
Die Familie nimmt das Schild weg.
Die Familie meldet sich nicht.
Das Grab bleibt.
Bis heute.
Das Grab ist historisch.
Seit 2014 ist das Grab geschützt.
Für immer.

Das Grab von Therese und Heinrich Schubert auf dem Zentralfriedhof Lüneburg, 2014.
ArEGL.

Grab von Wilhelm Müller, 2016.

Sterbeanzeige für Johannes Müller. Geestemünder Anzeiger, April 1941.
Privatbesitz Familie Helga und Ludwig Müller.
Als Wilhelm Müller starb, wurde er in das Grab seines Sohnes hinzugebettet und ein Grabstein gesetzt. Johannes Müller wurde am 7. März 1941 in Pirna-Sonnenstein ermordet. Weil seine Familie die Urne überführen ließ, wurde eine Urne mit seiner vermeintlichen Asche nicht am Elbhang verstreut, sondern auf dem Friedhof in Bremerhaven beigesetzt. Die Familie trauerte auch öffentlich um ihr Familienmitglied.
Johannes Müller wird ermordet.
Am 7.3.1941.
In Pirna-Sonnenstein.
Seine Leiche wird verbrannt.
Seine Asche wird nicht verstreut.
Die Familie möchte seine Asche.
In einer Urne.
Die Urne kommt auf den Friedhof.
In Bremerhaven.
Es ist nicht sicher ob die Asche von Johannes stammt.
Der Tod wird in der Zeitung gemeldet.
Die Familie trauert.
Sie versteckt ihre Trauer nicht.
Dann stirbt der Vater von Johannes.
Der Vater bekommt ein Grab.
Neben Johannes.
Das Grab bekommt einen Stein.
Für Beide.

Grablagen auf dem Lüneburger Anstaltsfriedhof, um 1945.
ArEGL 16-3.

Martha Ossmers Eltern fotografierten das Grab ihrer Tochter, als sie es nach der Beisetzung besuchten. Viele Familien hatten keine Möglichkeit, bei der Beerdigung ihrer Angehörigen dabei zu sein.
Privatbesitz Christel Banik.
Alle Gräber auf dem Anstaltsfriedhof erhielten ein schlichtes Holzkreuz. Es trug oft nur die Grabnummer oder den Namen. Die Bepflanzung war schlicht. Angehörige hatten die Möglichkeit, das Holzkreuz auf eigene Kosten durch einen Stein zu ersetzen.
Das ist ein Foto.
Auf dem Foto sind Gräber.
Auf dem Anstalts-Friedhof.
Auf dem Anstalts-Friedhof sind viele Gräber.
Jedes Grab hat ein Holz-Kreuz.
Auf dem Kreuz ist eine Nummer.
Oder der Name.
Es gibt wenige Pflanzen.
Familien können einen Stein setzen.
Familien bezahlen den Stein.
Das ist das Grab von Martha Ossmer.
Die Eltern machen das Foto.
Die Eltern besuchen das Grab.
Die Eltern kommen nach der Beerdigung.
Die Beerdigung ist oft ohne Familie.
Wenige Familien können dabei sein.

Auszug aus dem Begräbnisbuch [zum Friedhof der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg] von 1922 – 1948.
StadtALg, FHA, 235.
297 ermordete Kinder und Jugendliche der Lüneburger »Kindereuthanasie« wurden auf zwei Kindergräberfeldern auf dem Anstaltsfriedhof bestattet. Mindestens acht weitere Kinder wurden dort in Streulage in Erwachsenen-Gräbern bestattet, aus Mangel an Kindersärgen. Die Kinder mit Familie in Lüneburg wurden auf Wunsch der Eltern auf dem Zentralfriedhof bestattet. Es gibt auch ermordete Kinder, deren Grablage bis heute unbekannt ist.
297 Kinder werden ermordet.
Sie sind Opfer vom Kinder-Kranken-Mord.
Sie werden bestattet.
Sie bekommen Gräber.
Die Gräber sind auf dem Anstalts-Friedhof.
In zwei Bereichen.
In den Bereichen sind nur Kinder-Gräber.
Die Kinder werden in einem Sarg bestattet.
In einem kleinen Sarg.
Manchmal fehlt ein kleiner Sarg.
Dann bekommt das Kind einen großen Sarg.
Mindestens für 8 Kinder.
Die Kinder bekommen einen großen Sarg.
Das Grab ist bei den Erwachsenen.
Es ist dann nicht auf dem Kinder-Gräber-Feld.
Manche Kinder kommen aus Lüneburg.
Die Familien wünschen sich:
Das Grab ist auf den Zentral-Friedhof.
Manche Kinder-Gräber fehlen.
Wir wissen nicht wo sie sind.

Besuch des Anstaltsfriedhofs, ca. 1946/1947.

Grab von Ingeborg Wahle, 1945. Auf dem Grabstein ist der 22. Februar als Todestag vermerkt. Sie starb jedoch zwei Tage später.
Privatbesitz Renate Beier.
Die Eltern der ermordeten Kinder ließen es sich oft nicht nehmen, die Gräber selbst zu pflegen, obwohl die Provinz Hannover für alle auf dem Anstaltsfriedhof liegenden Gräber die Pflegekosten übernahm. Ingeborg Wahles Eltern fuhren mehrmals im Jahr nach Lüneburg, um das Grab ihres Kindes zu pflegen. Sie ließen auch das Holzkreuz durch einen Kissenstein ersetzen. In den 1960er-Jahren war er plötzlich weg, ohne dass die Angehörigen benachrichtigt worden waren.
Die ermordeten Kinder bekommen ein Grab.
Auf dem Anstalts-Friedhof.
Der Staat bezahlt das Grab.
Der Staat bezahlt die Pflege vom Grab.
Trotzdem:
Viele Familien pflegen die Gräber.
Ingeborg Wahle ist tot.
Sie hat ein Grab.
Die Eltern kommen nach Lüneburg.
Sie kommen oft.
Sie legen einen Grab-Stein auf das Grab.
Der Grab-Stein ist plötzlich weg.
Die Familie bekommt keine Nachricht.
Das ist ein Grab.
Das Grab von Ingeborg Wahle.
Auf dem Grabstein steht:
Gestorben am 22. 2. 1954
Das ist falsch.
Ingeborg Wahle stirbt zwei Tage später.
Obwohl die Eltern von Inge Roxin kein Geld hatten, ließen sie es sich nicht nehmen, eine Traueranzeige in den Lüneburger Anzeigen zu schalten, zur Beerdigung einzuladen und Inge auf eigene Kosten auf dem Zentralfriedhof beizusetzen. Damit nahmen die Eltern fortan auch auf sich, für die Grabpflege aufzukommen. Das war ihnen Inge wert.
Die ermordeten Kinder bekommen ein Grab.
Auf dem Anstalts-Friedhof.
Der Staat bezahlt das Grab.
Der Staat bezahlt die Pflege vom Grab.
Trotzdem :
Viele Familien pflegen die Gräber.

Traueranzeige für Inge Roxin, Lüneburger Anzeigen, Oktober 1943.
Privatbesitz Sigrid Roxin.

Grab von Christian Meins auf dem Zentralfriedhof Lüneburg, September 2021.
ArEGL.
Weil er als »bombenbeschädigtes Kind« eingewiesen worden war, wurde Christian Meins nicht auf dem Anstalts-, sondern auf dem Zentralfriedhof Lüneburg auf einem Gräberfeld für Bombenbeschädigte aus Hamburg bestattet. 1952 fiel sein Grab unter das Kriegsgräbergesetz. Es ist deshalb bis heute als Einzelgrab mit Grabplatte erhalten.
Die im Städtischen Krankenhaus Lüneburg ermordeten Zwangsarbeiter*innen wurden ebenfalls auf dem Zentralfriedhof der Stadt Lüneburg bestattet. Ihre Familien wurden weder über den Tod noch über den Bestattungsort informiert.
Christian Meins hat ein Grab.
Auf dem Zentral-Friedhof in der Stadt.
In einem besonderen Bereich:
Für Bomben-Opfer aus Hamburg.
Obwohl Christian Meins gar kein Bomben-Opfer ist.
Aber:
Er war als Bomben-Opfer eingewiesen.
Im Jahr 1952 gibt es ein Gesetz.
Das Gesetz heißt:
Kriegs-Gräber-Gesetz.
Das Gesetz sagt:
Opfer von Krieg haben Schutz.
Bomben-Opfer haben Schutz.
Ihre Gräber haben Schutz.
Ihre Gräber müssen erhalten bleiben.
Darum:
Das Grab von Christian Meins ist geschützt.
Es ist bis heute da.
Es hat eine Grab-Platte.
Im normalen Kranken-Haus werden Zwangs-Arbeiter ermordet.
Sie werden auch beerdigt.
Auf dem Zentral-Friedhof.
Die Zwangs-Arbeiter haben Familien.
Die Familien bekommen keine Nachricht.
Die Familien wissen nichts über den Tod.
Erwachsene Erkrankte ausländischer Herkunft, die vor Dezember 1943 in der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg starben, wurden auf dem Anstaltsfriedhof wie Tote deutscher Herkunft behandelt. Das endete, als die Zahl ausländischer Erkrankter infolge von Zwangsarbeit, Lagerhaft und Flucht zunahm und sich die Sterbefälle häuften. Tote ausländischer Herkunft wurden ab 1943 auf einem eigens für sie ausgewiesenen »Ausländergräberfeld« beerdigt.
Es gibt immer Patienten aus dem Aus-Land.
Viele sterben.
Sie bekommen ein Grab auf dem Friedhof.
Da wo Platz ist.
Genau wie deutsche Patienten.
Bis zum Jahr 1943.
Ab dem Jahr 1943
gibt es mehr ausländische Kranke.
Weil:
Es gibt mehr Zwangs-Arbeit.
Es gibt mehr Lager-Haft.
Es gibt mehr Flucht.
Ab 1943 gibt es auf dem Fried-Hof einen Bereich.
Nur für ausländische Kranke.
Das Aus-Länder-Gräber-Feld.
Dort sind Gräber für ausländische Kranke.
Das ist ein Plan.
Auf dem Plan ist der Fried-Hof.
Und eine Liste der Namen.
Von den gestorbenen ausländischen Kranken.

Verzeichnis der Grabstellen für Ausländer im Begräbnisbuch für den Friedhof der Landes- Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg mit Namensregister und Lageskizzen, 1922 – 1948.
StadtALg, FHA, 235.

Wie wenig Wertschätzung Max Bräuner den Gestorbenen der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg entgegenbrachte, kann einem Brief entnommen werden, in dem es um die Ausweisung weiterer Gräberfelder auf dem Anstaltsfriedhof ging. Bräuner begründete seine ablehnende Haltung:
Das ist ein Brief.
Max Bräuner schreibt den Brief.
Auf den Friedhof sollen neue Gräber.
Für Menschen aus Hamburg.
Max Bräuner will keine neuen Gräber.
»[…] dass den Angehörigen der Hamburger Verstorbenen nicht zugemutet werden könne, die Gräber ihrer Verstorbenen inmitten verstorbener Idioten zu pflegen […].«
Auszug aus der Abschrift des Briefes von Stadtbaurat Kleeberg an das Amt für Volkswohlfahrt, Gauleitung Ost-Hannover, vom 26.1.1945.
StadtALg, VA1, 3054.
Max Bräuner schreibt:
Auf dem Friedhof sind Gräber von Kranken.
Aus dem besonderen Kranken-Haus.
Die neuen Gräber sind für Menschen aus Hamburg.
Familien aus Hamburg wollen die Gräber besuchen.
Er sagt:
Die Gräber der Toten aus dem besonderen Kranken-Haus stören die Familien.
Für Max Bräuner sind die Kranken wert-los.
Ihre Gräber sind wert-los.
Es wurde angeordnet, dass Erkrankte ausländischer Herkunft in der äußersten Randlage eines Friedhofs zu bestatten seinen. Die Lage der Gräber der Opfer des Krankenmordes an Kinder und an Erkrankten ausländischer Herkunft ist heute vielerorts unbekannt. In Hadamar gab es ein als Einzelgräberfeld getarntes Massengrab, das 1945 geöffnet wurde. In Kalmenhof-Idstein konnten in 2020 die Gebeine von drei Jugendlichen und Kindern gefunden werden.
Ausländer-Gräber sind am Rand.
Ganz hinten in der Ecke vom Fried-Hof.
Es ist nicht bekannt wie es damals aussieht.
In Hadamar sehen sie aus wie Gräber für einzelne.
In echt sind es Gräber für ganz viele Tote.
Keiner weiß wo die Gräber der toten ausländischen Erkrankten sind.
Keiner weiß wo genau die Kinder-Gräber sind.
In Kalmenhof-Idstein findet man nur 3 Kinder-Gräber.
Das ist ein Foto.
Auf dem Foto sehen wir:
Ein Massen-Grab.
In Hadamar.
Es ist der Fried-Hof der Tötungs-Anstalt.
Viele Menschen sind zusammen in einem Grab.
Das gibt es auch an anderen Orten.
Fried-Höfe von anderen Tötungs-Anstalten.
Dort sind oft 2 oder 3 Leichen in einem Grab.
In Lüneburg wissen wir das nicht.
Der Fried-Hof wurde nicht untersucht.

Das Bild zeigt ein Massengrab der Tötungsanstalt Hadamar, 5.4.1945. Fotograf Ltd. Alexander J. Wedderburn (28. Infanteriedivision der US-Armee).
USHMM. PA 1071150.
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