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UMGANG MIT DEM TOD

Es ist ein Farbfoto von einem aufgeschlagenen Buch mit vergilbten Seiten. Die Einträge sind handschriftlich. Jede Zeile ist ein Eintrag. Einer der Einträge ist der zu Olga Schulze. Die Handschrift ist schwer leserlich und der Eintrag ist mit schwarzer Tinte geschrieben.

Auszug aus dem Sterbebuch der Kirchenegemeinde Sülze 1876 bis 1945, Seite 172 Nr. 8A.

ArEGL.

Es gab Familien, die sich aus den Tötungsanstalten Brandenburg, Pirna-Sonnenstein und Hadamar die Urne nach Hause schicken ließen. Die Asche der übrigen wurde weggekippt, etwa einen Abhang hinunter (Pirna-Sonnenstein). Die überstellten Urnen der Opfer der »Aktion T4« wurden auf Wunsch der Familien auf dem Heimatfriedhof beigesetzt. Viele nutzten hierfür bestehende Familiengräber. Es kam häufig vor, dass die Familien den Toten keine Beachtung schenkten.

Die Urne mit Therese Schuberts angeblicher Asche wurde nach Lüneburg überführt und auf dem Zentralfriedhof hinzugebettet. Die Friedhofsverwaltung forderte die Familie auf, sich wegen der Auflösung des Grabes bei der Verwaltung zu melden. Doch Therese Schuberts Sohn Theo stellte das Schild in ein anderes Grab und ignorierte die Aufforderung. Das Grab steht seit 2014 auf der Liste der historischen Gräber der Stadt Lüneburg und ist somit auf Dauer geschützt.

Es ist ein Farbfoto von einem Grab. Der Grabstein ist aus grauem Granit. Auf einem Sockel ist ein polierter Stein mit eingravierten Namen und Lebensdaten. Der Stein ist oben oval abgeschlossen. Der Grabstein ist umgeben von grünen Sträuchern.

Das Grab von Therese und Heinrich Schubert auf dem Zentralfriedhof Lüneburg, 2014.

ArEGL.

Es ist ein Farbfoto von einem Grab. Das Grab ist ein hüfthoher, polierter grauer Stein. Auf ihm steht »Familie Wilhelm Müller«. Beige Trittsteine führen zum Grabstein und bilden einen halben Kreis darum. Die Grabanlage ist mit Sträuchern und blühenden Frühlingsblumen bepflanzt.

Grab von Wilhelm Müller, 2016.

Es ist eine schwarz-weiße, grobe Kopie einer Todesanzeige aus der Zeitung. Sie ist umrandet mit einem dicken schwarzen Rand. Johannes Müller wird von seinen Eltern im Namen seiner Familie gedacht.

Sterbeanzeige für Johannes Müller. Geestemünder Anzeiger, April 1941.

Privatbesitz Familie Helga und Ludwig Müller.

Als Wilhelm Müller starb, wurde er in das Grab seines Sohnes hinzugebettet und ein Grabstein gesetzt. Johannes Müller wurde am 7. März 1941 in Pirna-Sonnenstein ermordet. Weil seine Familie die Urne überführen ließ, wurde eine Urne mit seiner vermeintlichen Asche nicht am Elbhang verstreut, sondern auf dem Friedhof in Bremerhaven beigesetzt. Die Familie trauerte auch öffentlich um ihr Familienmitglied.

Es ist ein schwarz-weißes Foto von einem Gräberfeld. Umgeben von gestutzten Hecken sind die Gräber sichtbar. Links sind die länglichen Erdhaufen nicht bewachsen. Rechts sind sie bewachsen und mit Holzkreuzen versehen. Ein eckiger Stein ist links sichtbar.
Es ist ein schwarz-weißes Foto von einem Einzelgrab. Zu sehen ist ein Holzkreuz mit einer eingravierten Grabnummer. Hinter dem Kreuz verläuft eine Hecke. Das Kreuz ist von einer schlichten Rasenbepflanzung eingefasst.

Besuch des Anstaltsfriedhofs, ca. 1946/1947.

Grab von Ingeborg Wahle, 1945. Auf dem Grabstein ist der 22. Februar als Todestag vermerkt. Sie starb jedoch zwei Tage später.

Privatbesitz Renate Beier.

Die Eltern der ermordeten Kinder ließen es sich oft nicht nehmen, die Gräber selbst zu pflegen, obwohl die Provinz Hannover für alle auf dem Anstaltsfriedhof liegenden Gräber die Pflegekosten übernahm. Ingeborg Wahles Eltern fuhren mehrmals im Jahr nach Lüneburg, um das Grab ihres Kindes zu pflegen. Sie ließen auch das Holzkreuz durch einen Kissenstein ersetzen. In den 1960er-Jahren war er plötzlich weg, ohne dass die Angehörigen benachrichtigt worden waren.

Obwohl die Eltern von Inge Roxin kein Geld hatten, ließen sie es sich nicht nehmen, eine Traueranzeige in den Lüneburger Anzeigen zu schalten, zur Beerdigung einzuladen und Inge auf eigene Kosten auf dem Zentralfriedhof beizusetzen. Damit nahmen die Eltern fortan auch auf sich, für die Grabpflege aufzukommen. Das war ihnen Inge wert.

Es ist eine Sterbeanzeige aus einer Zeitung. Das Papier ist vergilbt. Die Anzeige ist mit einer Schere aus der Zeitung ausgeschnitten worden. Die Eltern und Geschwister sind namentlich und "in stiller Trauer" genannt. Auch Ort und Zeit der Beerdigung sind abgedruckt. Die Beerdigung soll am 25. Oktober um 14 Uhr auf dem Zentralfriedhof Lüneburg stattfinden.

Traueranzeige für Inge Roxin, Lüneburger Anzeigen, Oktober 1943.

Privatbesitz Sigrid Roxin.

Es ist ein Farbfoto vom Grab von Christian Meins. Es ist ein Kissenstein. Auf dem Stein steht: Christian Meins, 10. Juni 1939, 29. August 1943. Der Kissenstein ist von Rasen umgeben. Oberhalb des Steins steht ein Topf mit rosafarbenen Blumen. Der Topf steht auf einer Rasenkante, die den Rasen oberhalb des Grabsteins abschließt.

Grab von Christian Meins auf dem Zentralfriedhof Lüneburg, September 2021.

ArEGL.

Weil er als »bombenbeschädigtes Kind« eingewiesen worden war, wurde Christian Meins nicht auf dem Anstalts-, sondern auf dem Zentralfriedhof Lüneburg auf einem Gräberfeld für Bombenbeschädigte aus Hamburg bestattet. 1952 fiel sein Grab unter das Kriegsgräbergesetz. Es ist deshalb bis heute als Einzelgrab mit Grabplatte erhalten.

Die im Städtischen Krankenhaus Lüneburg ermordeten Zwangsarbeiter*innen wurden ebenfalls auf dem Zentralfriedhof der Stadt Lüneburg bestattet. Ihre Familien wurden weder über den Tod noch über den Bestattungsort informiert.

Erwachsene Erkrankte ausländischer Herkunft, die vor Dezember 1943 in der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg starben, wurden auf dem Anstaltsfriedhof wie Tote deutscher Herkunft behandelt. Das endete, als die Zahl ausländischer Erkrankter infolge von Zwangsarbeit, Lagerhaft und Flucht zunahm und sich die Sterbefälle häuften. Tote ausländischer Herkunft wurden ab 1943 auf einem eigens für sie ausgewiesenen »Ausländergräberfeld« beerdigt.

Es ist ein Farbabbildung einer Buchseite. Das Papier ist vergilbt. Auf dem Papier ist eine Gräberliste. Es ist eine zweispaltige Tabelle. Sie ist handschriftlich mit gleichmäßiger Schrift gefüllt. Der Name, das Begräbnisdatum und die Grabnummer sind erfasst. In jeder Zeile der Tabelle stehen zwei Beerdigte. Über der Tabelle steht die Überschrift »Verzeichnis der Ausländergräber«.

Verzeichnis der Grabstellen für Ausländer im Begräbnisbuch für den Friedhof der Landes- Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg mit Namensregister und Lageskizzen, 1922 – 1948.

StadtALg, FHA, 235.

Das Papier ist vergilbt und seitlich leicht eingerissen. Die Anordnung ist eng mit Schreibmaschine geschrieben. Sie füllt nur ein Drittel der Seite aus und ist handschriftlich unterschrieben.

Wie wenig Wertschätzung Max Bräuner den Gestorbenen der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg entgegenbrachte, kann einem Brief entnommen werden, in dem es um die Ausweisung weiterer Gräberfelder auf dem Anstaltsfriedhof ging. Bräuner begründete seine ablehnende Haltung:

Auszug aus der Abschrift des Briefes von Stadtbaurat Kleeberg an das Amt für Volkswohlfahrt, Gauleitung Ost-Hannover, vom 26.1.1945.

StadtALg, VA1, 3054.

Es wurde angeordnet, dass Erkrankte ausländischer Herkunft in der äußersten Randlage eines Friedhofs zu bestatten seinen. Die Lage der Gräber der Opfer des Krankenmordes an Kinder und an Erkrankten ausländischer Herkunft ist heute vielerorts unbekannt. In Hadamar gab es ein als Einzelgräberfeld getarntes Massengrab, das 1945 geöffnet wurde. In Kalmenhof-Idstein konnten in 2020 die Gebeine von drei Jugendlichen und Kindern gefunden werden.

Es ist ein schwarz-weißes Foto. Es ist von leicht erhöht aufgenommen. Sichtbar ist ein weites, leicht abschüssiges Gräberfeld. Auf dem Gräberfeld markieren symmetrisch angeordnete Holzpflöcke die einzelnen Gräber. Jeder Holzpflock trägt eine Grabnummer. Ein Soldat in amerikanischer Uniform steht mit Helm und Gewehr am Rand des Gräberfeldes und blickt in Richtung der Gräber.

Das Bild zeigt ein Massengrab der Tötungsanstalt Hadamar, 5.4.1945. Fotograf Ltd. Alexander J. Wedderburn (28. Infanteriedivision der US-Armee).

USHMM. PA 1071150.

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